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Ein Baby zu Weihnachten

von Gertraud Schöpflin


„Ein Baby“ - jahrelang schrieb ich diesen Wunsch meinem Mann vor Weihnachten auf den Wunschzettel. Jahrelang waren wir hilflos und ohnmächtig, weil kein Mensch und kein Arzt uns den Wunsch erfüllen konnten. „Wir wissen über das Ganze noch viel zu wenig“, meinte eine Ärztin in der Kinderwunschsprechstunde einer Uniklinik zu mir. Ich schätzte ihre Ehrlichkeit.


Am liebsten hätte ich den Herzenswunsch aus mir herausgeschnitten, um jenem Zyklus von Hoffen und Enttäuschung zu entkommen. Aber der Kinderwunsch klebte an mir, weil meine Vorstellung von einem glücklichen Leben daran geknüpft war. Also plagten wir uns weiter.

Mein Glaube stand Kopf, weil Gott meine heißen Gebete nicht erhörte. Mit der Zeit rutschte ich in Bitterkeit, Groll und Depression – vor allem am Wochenende, wenn ich Zeit zum Nachdenken hatte. „Der Herr hat mich vergessen“, las ich eines Tages in Jesaja 49. Ich fühlte mich in meinen Gefühlen ertappt – und doch ernst genommen. „Du Elende, Sturmbewegte, Ungetröstete,…“, las ich ein paar Seiten weiter, „siehe ich lege deine Grundmauern mit Saphiren.“ Es hörte sich an, als baue Gott einen Palast in meinem Leben – aber er war eben erst beim Fundament.

Warten ist keine verschwendete Zeit! Sie wird sinn-voll, wenn ich aufbreche zu dem, was in meinem Leben in Gottes Augen wirklich zählt. Ist mein Leben nur glücklich und sinnvoll gewesen, wenn sich alle meine Wünsche erfüllt haben?


Heute sind meine vier Söhne dabei flügge zu werden – wie Gott sie auf wunderbare Weise in mein Leben geführt hat, erzähle ich in meinem Buch „Eine Badewanne voll Glück – wie meine Träume laufen lernten“ (Brunnen/2020). Doch so viel ist sicher: Meine Jungs wollen nicht der Sinn meines Lebens sein! Sie wollen ihr Ding machen, ihren Weg gehen und ihren eigenen Kopf haben.

Ich glaube, der Sinn meines Lebens besteht darin, dass Gottes Handschrift in den Zeilen meiner Geschichte sichtbar wird. Durch alle Turbulenzen habe ich vor allem ihn besser kennen gelernt – und viele kostbare Menschen um mich herum.


Wichtig war für mich der Schritt, bewusst aus dem Groll herauszutreten – ins Gegenteil. „Meine Klage hast du in Tanz verwandelt“, heißt es in Psalm 30. Ich hatte damals die Gelegenheit, mich einer Kreativtanzgruppe anzuschließen.

Außerdem entdeckte ich, dass Gott nicht mein Gegner in Sachen Herzenswunsch war, sondern mein Verbündeter. In 1. Mose steht schlicht: „Seid fruchtbar und mehret euch“. Mir machte das deutlich, dass es grundsätzlich Gottes Wille ist, dass wir fruchtbar sind. Ich bin nicht hysterisch, weil ich mir ein Kind wünsche – manchmal hatte ich mich da schon im Verdacht, weil es sich so schräg anfühlte. Nein, mein Kinderwunsch ist gut und völlig normal – und Gott steht auf meiner Seite und kämpft mit mir gegen alles, was seinen guten Plänen entgegensteht. Das gab mir neue Flügel.


Ich kam innerlich zur Ruhe, und wir begannen als Ehepaar aktiv nach Wegen zu suchen, wie wir auch kinderlos mit Kindern leben konnten. Wir öffneten uns für die Möglichkeit einer Adoption – im Bewusstsein, dass ein angenommenes Kind eine Aufgabe ist und kein Ersatz für ein leibliches Kind.

Und dann kam der unerwartete Moment, in der uns das Jugendamt am Telefon fragte, ob wir bereit wären - eine Woche vor Weihnachten. Zwei Tage vor Heiligabend legte mir eine junge Frau ihr Neugeborenes in die Arme. Wir konnten es nicht fassen! „Für uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben!“ Der Vers aus Jesaja 9 war Wirklichkeit geworden. Ein Jahr zuvor hatte uns eine alte Predigerin aus den USA gesagt, wir würden in einem Jahr ein Kind haben. Von Schwangerschaft hatte sie nichts gesagt. Ihre Ankündigung trug uns durch die Achterbahnfahrt unserer Gefühle, bis das Kind wirklich „unser“ Kind war. Wir wussten in allen Stürmen, Gott war im Boot.


Auch bei der zweiten Adoption erlebten wir, dass Gott uns führt, wenn wir uns – trotz Ängste – im Glauben in Bewegung setzen. Fünf Jahre später standen wir in einem Kinderheim in Weißrussland, umgeben von Zwei- und Dreijährigen, die alle riefen: „Mama, Papa, nehmt mich!“ Es brach uns das Herz. Bis dahin hatten wir gedacht, dass wir das Problem hätten – bis wir all die elternlosen Kinder sahen.

Unser zweiter Sohn war wie ein Vögelchen, das man aus dem Käfig frei gelassen hatte. Als er am Tag der Adoption mit unserem Ältesten abends in der Badewanne saß und zum ersten Mal in seinem Leben planschen durfte, kam mir der Titel für das Buch „Eine Badewanne voll Glück“. Wir waren einfach beschenkt.


Zwei Jahre später – nach 15 Jahren Ehe – geschah dann in mir das Wunder, von dem ich mein Glück nicht mehr abhängig gemacht hatte. Ich wurde schwanger – aus heiterem Himmel – und bekam mit anderthalb Jahren Abstand noch zwei leibliche Söhne. Eine Leserin schrieb mir, sie hätte an dieser Stelle mein Buch am liebsten weggeworfen. Ich verstehe ihre Wut. Mir ging es früher genauso – und ich weiß, meine Zeilen hier sind für manche wie Sand zwischen den Zähnen.


Aber wer mein Buch zu Ende liest, der sieht auch, durch welche Wüsten wir anschließend als „Patchwork“-Familie der besonderen Art gegangen sind. Mein Traum verwandelte sich zeitweise in einen Alptraum. Meine angenommenen Söhne entwickelten Verhaltensschwierigkeiten, die mich an den Rand meiner Weisheit und Kraft brachten. Aus Eifersucht zerstörten sie alle Babysachen, zerschnitten Kleider, zerkratzen Tische und Wände. Ein Arzt riet mir, eines der Kinder abzugeben – so schlimm erschien ihm die Lage.


Wieder gab es nur eine Lösung: zurück in die Arme meines Gottes, dessen Handschrift im Auf und Ab meines Lebens sichtbar werden soll.


Übrigens hat das Baby, das wir zu Weihnachten bekamen, vor ein paar Wochen geheiratet. Und seine leibliche Mutter schrieb mir vor ein paar Tagen: „Ich bin Gott so dankbar, dass er euch damals zu mir geführt hat.“ Solche Geschichten kann nur einer schreiben. Geben wir ihm den Stift.


Foto ©Gertraud Schöpflin


Infos zur Autorin: Gertraud Schöpflin, 51 Jahre alt, seit 30 Jahren verheiratet mit Hanspeter, lebt in der Nähe von Stuttgart und arbeitet als Lehrerin an der Freien Evangelischen Schule Böblingen und ist als Autorin und Referentin tätig. Sie hat zwei angenommene und zwei leibliche Söhne im Alter von 13 bis 22 Jahren - und eine Schwiegertochter.


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